Samstag Sep 04

Hamburger Literaturpreisträger im Interview
Es gibt Geschichten, die kann man nur mit Bildern erzählen

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Scharf, klar, nicht vergleichbar, schwärmen seine Rezensenten, schlicht das Beste, was die Hamburger Literaturszene momentan auf den Markt bringt. Trotz der vielen Lobreden ist er bodenständig geblieben: Finn-Ole Heinrich. Im Gespräch mit deFacto-Autorin Katharina Schneider-Bodien berichtet der Wahlhamburger von seiner Liebe zu seinem Verlag, seinem neuen Buch und gibt Tipps für angehende Schriftsteller.

Das Interview

DEFACTO: Du hast in Deutschland fast alle Preise gewonnen, die ein junger Autor gewinnen kann. Wohin geht es in Zukunft?

Finn-Ole Heinrich: Hoffentlich geht’s so weiter! Ich bin beim mairisch Verlag, die sind relativ klein und ohne die Preise und Stipendien, die ich gewonnen habe, hätte ich nicht überleben können. Ich müsste irgendetwas anderes nebenbei arbeiten, was mir die  Zeit zum Schreiben rauben würde. Ich hoffe, dass mein Erfolg nicht nur ein großes Aufflammen war, sondern dass es so weitergeht und die Bücher vielleicht noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommen.

DEFACTO: Wie bist du zu mairisch gekommen?

Finn-Ole: Ich stand ungefähr das zweite oder dritte Mal auf der Bühne und die haben mich wirklich von der Bühne runtergeholt und mich angesprochen.

DEFACTO: Würdest du, wenn es darauf ankäme, auch den Verlag wechseln?

Finn-Ole: Ich will auf jeden Fall bei mairisch bleiben. Aber so kategorisch kann man das nie sagen. Die vom Verlag haben mir gesagt, wenn dir jemand 20000 Euro auf den Tisch legt, müssen wir uns noch einmal unterhalten, denn das können wir dir nicht bieten. Im Moment brauch’ ich das nicht. Aber ich weiß’ nicht. Vielleicht werde ich ja auch mal eine Familie gründen, dann müsste man noch einmal gucken, ob man sich dann so viel Idealismus leisten kann.

DEFACTO: Was ist für dich das Besondere an mairisch? Der enge Kontakt zum ganzen Verlagsteam?

Finn-Ole: Das sind alles richtig gute Leute, das sind meine Freunde und sie machen Bücher so, wie ich mir vorstelle, dass Bücher gemacht werden müssen. Sie müssen keine Bücher machen, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen. Und dann machen sie die Bücher, wie sie sie machen wollen. Nicht, wie sie aussehen müssen, damit sie gut verkauft werden.

Es ist einfach ein ganz tolles Arbeiten mit denen. Sie wollen das beste Buch machen und nicht das, was sich am Besten verkauft. Und das merkt man auch. Jedes Buch wurde mit viel Liebe gemacht.

DEFACTO: Du hast Film studiert. Was ist einfacher: Eine Stimmung oder Atmosphäre textlich oder bildlich darzustellen?

Finn-Ole: Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass irgendetwas leichter ist. Das ist völlig unterschiedliches Arbeiten. Ich benutze manchmal Techniken, die ich vom Schreiben kenne auch beim Filmen. Und natürlich andersrum. Das ist sehr hilfreich, aber im Grunde sind es zwei grundsätzlich verschiedene Arten, Geschichten zu erzählen. Es gibt Geschichten, die kann man nur mit Bildern erzählen, deshalb habe ich Film studiert.

DEFACTO: Hattest du als Autor gegenüber deinen Mitstudenten Vorteile?

Finn-Ole: Ich glaube mir ist es oft leichter gefallen, die Drehbücher zu schreiben. Die Anderen hatten große Zweifel bei ihren Drehbüchern, konnten Dinge nicht so ausdrücken, wie sie wollten. Und diese Schreibhemmungen fehlten mir völlig, da hatte ich schon Routine.

DEFACTO: Würdest du deine Bücher eins zu eins in einen Film übersetzen können?

Finn-Ole: Nee. In der Literatur kannst du viel mit Introspektive arbeiten, kannst Leuten in den Kopf gucken und ihre Gedanken beschreiben. Im Film ist das schwierig und auch nicht besonders elegant, wenn man eine Off-Stimme verwendet.

DEFACTO: Du hast einen Satz, um für dein neues Buch zu werben.

Finn-Ole: Einen Satz?

DEFACTO: Ja, einen Satz!

Finn-Ole: Es sind acht brachial gekürzte Romane, kurz, präzise und tiefgehend.

DEFACTO: Gehört es mittlerweile zu deinem Alltag, Bücher zu veröffentlichen?

Finn-Ole: Ich glaub’ alltäglich wird das nie. Jedes meiner Bücher ist mit ganz viel Herzblut geschrieben. Ich erwarte mit ganz großer Spannung, wie es von der Öffentlichkeit aufgenommen wird. Vielleicht ist das für Günther Grass anders, aber bei mir bleibt die Veröffentlichung richtig spannend. Klar, ich habe ein bisschen mehr Routine als früher, beim Ersten konnte ich drei Tage vorher vor Aufregung nicht schlafen, aber das Kribbeln bleibt.

DEFACTO: Kehlmann hat erzählt, dass Schreiben die lebenslange Arbeitsverweigerung sei. Stimmst du der Aussage zu?

Finn-Ole: Dem stimme ich überhaupt nicht zu. Schreiben ist Arbeit!

Aber es ist schon so, mein Vater hat mich letztens angeguckt und gesagt: „Du hast auch noch nie richtig gearbeitet, oder?“ und dann meinte er so „ Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen, ich weiß, dass du hart arbeitest, aber du hast noch nie etwas „richtiges“ gearbeitet.“ Das stimmt natürlich, ich stehe nicht auf dem Bau und mache harte, körperliche Arbeit, aber ich würde schon sagen, dass Schreiben richtig Arbeit ist. Und es hat viel mit Disziplin zu tun.

DEFACTO: Ist Disziplin dann die Eigenschaft, die man mitbringen muss, um als Autor weiterzukommen?

Finn-Ole: Ja, auf jeden Fall. Schreiben ist zu 90 Prozent Disziplin und nur zu 10 Prozent Talent und Inspiration. Dieses Sitzen bleiben und Schreiben ist schwer, denn Ideen hat man jeden Tag hundert Stück. Aber man muss diese Ideen auch ausarbeiten können. Und das ist Arbeit und notwendige Disziplin.

DEFACTO: Dein Ratschlag für angehende Schriftsteller?

Finn-Ole: Schreibt dass, was euch auch selber interessiert. Macht euch keine Gedanken darüber, wer die Geschichte lesen könnte, oder wem sie gefallen könnte, schreibt einfach! Seid ungewöhnlich und versucht trotzdem aus der Realität zu erzählen.

Fotos: Dylan Thompson | Lutz Edelhoff

Von Katharina Schneider-Bodien Freitag, den 13. November 2009 um 10:51 Uhr

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