Twitter-Malerin im Interview
"ich male meine follower"
Den meisten dürfte der Name Michaela von Aichberger nichts sagen. Ihr Nickname jedoch ist wesentlich bekannter: Als „frauenfuss“ macht sie seit Juni die Twitterwelt unsicher und zeichnet ihre Verfolger für ihr Projekt „ich male meine follower“. Ihre was? Genau, ihre Verfolger. Twitter (engl. für „Zwitschern“) ist ein so genannter Micro- Blogging-Dienst. Mit ihm können die Nutzer über den Webbrowser, aber auch über das Handy Kurznachrichten von 140 Zeichen, Links oder Fotos veröffentlichen. Die Nutzer können sich untereinander austauschen und gegenseitig „folgen“.
Am 12.12. stellt frauenfuss ihre Werke in Köln vor, wir bekamen vorher die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
DEFACTO: Wie bist du zu Twitter gekommen?
Michaela von Aichberger: Die Festangestellte von meinem Mann hat mich zu Twitter gelotst. Sie war schon bei Twitter, ihr gefiel es gut und es klang wirklich interessant. Ich habe mich dann auch angemeldet, um zu gucken, was die Steffi da so macht und fand es zum kommunizieren ganz praktisch. Aber den richtigen Nutzen habe ich nicht gleich entdeckt. Ich habe nur bemerkt, dass es da jede Menge genialer Texter gibt, die ich natürlich sofort „verfolgt“ habe.
DEFACTO: Wann kam dir dann die Idee zu deinem Projekt „Ich male meine Follower“?
Michaela: Ich habe über Twitter den tollen Autoren Michael Budde kennengelernt. Auf Twitter heißt er „haekelschwein“. Im Grunde ist er Texter, hat auf Twitter aber den Aufhänger, dass er haekelschweine verkauft. Aus Spaß. Damit macht er keinerlei Gewinn, glaube ich. Ich habe dann auch ein Schwein gekauft und an allen möglichen Orten Fotos gemacht. So kamen wir und viele andere Leute ins Gespräch. Irgendwann habe ich dann aus Spaß gesagt, dass ich das haekelschwein nicht mehr fotografiere, sondern in mein Notizbuch male. Herr haekelschwein war vom Resultat total begeistert, seine Verfolger auch und von da an fing ich dann an, nicht nur Reisebilder oder haekelschweine zu malen, sondern jeden meiner „Verfolger“.
DEFACTO: Wieviele gemalte Follower gibt es bis heute?
Michaela: Über 200. Ich glaube 222! (lacht)
DEFACTO: Was waren die ersten Reaktionen deiner Familie und Freunde?
Michaela: Die haben sich erst einmal an den Kopf gepackt und mir ein Vögelchen gezeigt. Sie wussten ja, dass ich sowieso viel male. Dass ich jetzt ein paar Verfolger male, fanden sie ganz „nett“.
DEFACTO: Nicht jeder hat ein Foto von sich ins Netz gestellt. Wie lange brauchst du dann durchschnittlich für eine Studie zu einem deiner Follower?
Michaela: Ich bin sogar ganz froh, wenn es keine Bilder der Verfolger im Avatar gibt! Dann kann ich wirklich zeichnen, wie ich finde, dass er rüberkommt. Wenn es dann doch mal ein Foto im Avatar gibt, ignoriere ich es ganz oft, weil ich mir denke „nee, für mich siehst du aber anders aus!“. Ich möchte ganz einfach eine Bildergeschichte erzählen, das kann man sich wie bei einem Bilderbuch vorstellen: Da ist der Text und ich illustriere das Ganze. Aber manchmal übernehme ich die Avatare auch und spinne ein bisschen was dazu.
DEFACTO: Nach dem Erfolg im Internet sind jetzt auch Ausstellungen deiner Werke geplant. Wie kam es zu der Idee?
Michaela: Eine Freundin von mir hat eine Galerie in Nürnberg. Sie fand das Projekt witzig und machte den Vorschlag, die Bilder in ihrer Galerie auszustellen. Ganz viele Bekannte und vor allem Leute von Twitter haben sich dann beschwert, dass ich nur in Nürnberg ausstellen würde, das wäre viel zu weit weg. Ja, und so kamen die weiteren Termine wie Köln und Hamburg dazu. In Köln war die Location optimal und die Galleristen fanden das Projekt auch so gut, dass sie uns nicht zwei, sondern gleich drei Wochen in ihre Räume lassen. Irgendwann wurde das Projekt dann auch zum Selbstläufer, die Hamburger Galerie ist zum Beispiel an mich herangetreten, nur Berlin hat bisher noch nicht geklappt. Obwohl viele Twitterer aus Berlin kommen und unbedingt eine Ausstellung machen wollen, hat sich noch keine Zusammenarbeit mit einer Galerie ergeben.
DEFACTO: Wie werden deine Werke bei der Ausstellung präsentiert? Analog oder digital?
Michaela: Nur analog und in den teilweise aufwendig reproduzierten Notizbüchern. Ich möchte meine Besucher mit den Notizbüchern regelrecht erschlagen und versuche so viele wie möglich auszustellen, um auch das Twitter-Feeling mitreinzubringen: Dort hat man auch das Gefühl, dass man mit Informationen erschlagen wird. Die Notizbücher werden den Besuchern in kleinen Glaskästen präsentiert.
DEFACTO: Wen möchtest du mit der Ausstellung ansprechen?
Michaela: Die Zeichnungen werden auch unabhängig von Twitter als lustig und sehr stimmig empfunden, deshalb hoffe ich, dass auch Leute kommen, die die Zeichnungen an sich schön finden. Denn im Grunde habe ich durch Twitter nur tolle Inspirationen für Zeichnungen bekommen. Deshalb ist die Ausstellung für jeden, der analoge Zeichnungen und altertümliche Notizbuchzeichnungen mag. Außerdem habe ich durch meine Zeichnungen schon viele neue User geworben. Sie fanden die Idee, die dahinter steckt, lustig.
DEFACTO: Auf der Vernissage sollen auch Lesungen stattfinden. In welche Richtungen werden die Beiträge gehen?
Michaela: Auf meinen Bildern sind viele Autoren, angehende Schriftsteller und Blogger zu sehen, die ich durch Twitter kennengelernt habe. Ich hoffe, dass viele der Gemalten bei den Ausstellungen erscheinen und sich neben ihr Bild stellen. So wird das Digitale an dem Abend dann analog und die Besucher werden Passagen von den Gemalten vorgelesen bekommen. In Hamburg werden elbpoet und quengelexemplar aufeinander treffen und einen Poetry Slam veranstalten, in Köln sind „normale“ Lesungen geplant. Herr haekelschwein kommt natürlich auch nach Köln!
DEFACTO: Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
W-Lan
Michaela: Als ich vor kurzem in Lissabon war, war es wirklich schlimm, unser Hotelzimmer hatte kein W-Lan! Ich hatte dann täglich morgens und abends eine halbe Stunde im Internetcafe, da bin ich fast gestorben!
Bleistift
Michaela: Bleistift? Den benutze ich ganz ganz selten, eigentlich nie. Normalerweise male ich direkt mit einem schwarzen Fineliner.
Zukunft
Michaela: Da denke ich nie groß drüber nach. Ich mache immer aktuell dass, was mir gerade Spaß macht.
Typokunst
Michaela: Ich bin ein absoluter Typografie-Fan. Wir sammeln Buchstaben, die uns gefallen. Wir reisen quer durch die ganze Welt und fotografieren Buchstaben, die uns gefallen und machen damit auch immer wieder kleine Projekte.
Infos:
Die Vernissage findet am 12.12.2009 ab 19 Uhr im Kulturbunker Köln, Berliner Straße 20, 51063 Köln, statt. Die Ausstellung läuft vom 12.12.2009 bis zum 02.01.2010.
Weitere Infos zum Projekt, ein Making-Of, sowie weitere Bilder findet ihr unter ich-male-meine-follower.de oder unter www.twitter.com/frauenfuss, das Buchstabenprojekt „Typokunst“ ist unter www.typokunst.de zu finden.
Bilder: frauenfuss/vAichberger
Von Katharina Schneider-Bodien Montag, den 09. November 2009 um 12:23 Uhr











