Ein Zeichen setzen
Viva la gramática!
Smileys statt Punkten, Circonflexe statt Gedankenstrich, Herzchen statt Absätzen - in der digitalen Welt entsteht eine neue Rechtschreibung. Schriftzeichen werden mehr und mehr zur Aussage über unsere Charaktereigenschaften. Unser Redakteur Alexander sieht dem skeptisch entgegen: wer sich zu sehr in der Schrift-Autonomie verhadert, verliert das Gefühl für die deutsche Rechtschreibung. Nur wer eine verständliche Form wählt und wahrt, kann sich darauf verlassen, dass er mit Inhalten überzeugt.
Schreiben war nicht immer meine Leidenschaft. In der Grundschule verstand ich es gar nicht, weshalb mein Lehrer es mit einer Drei bewertete, dass ich im Aufsatz „Ein Tag im Schlaraffenland“ jeden Satz mit „und dann…“ beginnen ließ. Mehr gab’s doch nicht zu sagen! Ich brauchte ein System.
Das kam: 1996 mit der Rechtschreibreform. Für Einige ein Kreuz, dass man jetzt „Känguru“ und „Delfin“ sagen darf – für mich endlich ein Regelwerk! Worte waren auf eine bestimmte Art und Weise richtig und falsch, Kommata gehören hier- und nicht dorthin. Und irgendwo brauchen wir einen Punkt. Auf einmal war Sprache richtig aufregend: hat der seine Regeln eingehalten? Wenn schon mein FC nicht besser ist als dein BVB, ist es wenigstens mein Aufsatz! Alles konnte verglichen werden – für alle eine Motivation, auch selbst etwas Vorzeigbares zu fabrizieren. Jedermann schrieb und hielt ein, Sprache war schön, und so ging es von einer Schülerzeitung zur nächsten.
Doch dann, in der Pubertät, kamen die SMS. Man war dabei, doch man hatte nichts, außer seiner PrePaid-Karte. Man musste kurz bleiben. Also mach ichs jetz auch ma so. Man hat ja nix. Sch T9. Cu, lg, A. Regeln gab es, aber andere. Man verglich sich über die coolsten Inhalte – und am Monatsende über die Länge der Rechnung. Immerhin, denn der FC hatte immer noch nichts zu sagen.
Doch dann kamen die Chatrooms. Wozu eigentlich noch zahlen, es gibt doch das Internet *frechgrins*. Hey aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaallllllllllllllleeeeeeeeeeeex, /return biste auch on ;) /return lol, geht ja alles viel schneller :)/return und, wie gehts ;) /return voll spakcig heut inner shcule :( /return üüüüüüpahflüssig, mann mann :P /return wem sagstes^^ /return chiiilllll maaaan. Groß schreiben? Ist doch was für kleine Kinder. Rechtschreibfehler? Das denkt sich die da drüben schon richtig. Ich mache einen *hug*, und dann sind wir quitt. Sprachliche Betonungen wurden mit längeren Vokal-Abschnitten kompensiert. Punkte, Fragezeichen, Ausrufezeichen? Von gestern. Das erschließt man sich aus dem Smiley dahinter. Und die Frage hat man ja sowieso überlesen, während man auf den „post“ von vor zwanzig Sekunden – einer gefühlten Ewigkeit – geantwortet hat.
Vergleichbarkeit: nicht gegeben. Allerhöchstens quantitativ. Ich wanderte ab. Lange wieder nach der guten alten DUDEN-Schule in Klassenarbeiten und Klausuren, Zeitungen und Zeitschriften geschrieben und nach dem Abi nach UK gefahren, um dort meine Leidenschaft für grammatical correctness um das Englische zu erweitern.
Dort zeigte man mir facebook – und damit den Tiefpunkt. Satzzeichen sind im dortigen Chat nicht nur überflüssig und werden mit Smileys ersetzt, sie werden noch um Herzchen ergänzt. Ganze Titel von Fotoalben sind anscheinend kleiner drei, man wird jeden Tag im Newsfeed von Tannenbäumen, Teddybären oder sonstigen schnuckeligen Kreaturen terrorisiert, gebastelt aus Klammern, Semikola, Schrägstrichen und Anführungszeichen. Als hätte man alle Zeichen gesammelt, die man in den ganzen Jahren im Chat vergessen hatte, um sie jetzt in einem Schwall der Menschheit zu präsentieren. Guck mal, was ich kann. Ich kann mehr Zeichen als du, aber alle auf einen Haufen. Die Champions League der Social Networks.
Ich mache euch einen Vorschlag: schreibt wieder korrekt. Und das in SMS, eMails, in NewsFeedUpdates (und schreibt es nicht so, sondern setzt Bindestriche zwischen Substantiv-Kombinationen!). Rechtschreibfehler nimmt euch keiner übel. Aber „Namenwörter“ von „Wie-Wörtern“, Sätze von langen Wörtern, sollte man schon unterscheiden können. Die Form ist heutzutage mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt – Guttenberg ist der lebende Beweis. Vergleichbar gute Lesbarkeit macht euch zum Schrift-Kloppo. Und alle individualistischen, nicht vergleichenden Kapitalismusskeptiker und In-Spe-Piraten: glaubt nicht, ich hätte euch vergessen. Nur weil ihr bewusst verplant, eure Shift-Taste zu betätigen und statt Worten lieber – künstlich geschwarzweißte – Bilder sprechen lasst, seid ihr noch lange nicht nachhaltig. Ach ja, und bitte die Herzchen vergessen!



Kommentare (11)
Du befürchtest, dass sich Fehler einschleichen. Aber was, wenn diese "Fehler" gar keine sind, weil es schließlich alle so machen und es damit eine neue Konvention geworden ist? Dann ist deine Art zu Schreiben die Falsche und nicht die der anderen.
Du befürchtest, dass die Menschen durch ihre Gewohnheiten etwas falsch machen. Aber wer bestimmt denn, was falsch und was richtig ist? Und wann ist es falsch und wann richtig? Wen interessiert es denn, wo ein Komma hinkommt, wenn alle verstehen, was gemeint ist? Wen interessiert es denn, ob ich in einem Text "der indische Tee" oder "der Indische Tee" schreibe? Wird mich da irgendjemand falsch verstehen?
Natürlich nicht.
Ich verstehe die Begründung hier nicht. Warum sollten wir denn nicht in Bewerbungen Smileys anstatt von Satzzeichen einfügen, um unsere hinter einem bestimmten Satz stehende Intention zu verdeutlichen? Warum sollen sich die Menschen denn der Regel anpassen und nicht die Regel den Menschen?
Wenn das irgendwann der Fall sein sollte - Bewerbungen und Verträge ohne Satzzeichen und Groß- und Kleinschreibung - dann sage ich nichts mehr dagegen. Ich bin lediglich fest davon überzeugt, dass es nicht der Fall sein wird. Daher befürchte ich, dass die Etablierung einer gegenläufigen Schriftkultur allein für den Gebrauch im Netz sich schlecht darauf auswirken kann, wie sich Leute im formalen Gebrauch präsentieren können. Ich unterstelle nämlich nicht, dass man Bewerbungen mit Smileys schreiben will (diejenigen, die das tun, sind sich durchaus bewusst, dass diese Form vornehmlich für Netz + SMS geschaffen ist und sind meiner Einschätzung nach auch nicht gewillt, diese Sprache zur Formsprache zu machen).
Liebster Alex,
am schlimmsten leidet doch eigentlich die Groß- und Kleinschreibung darunter. Alles andere ist doch nur "Deko".
liebe caro ich weiß nicht ob das groß- und kleinschreiben schlimmer ist als das fehlen von satzzeichen und absätzen gruß alex
Die von Alex vertretene Meinung kann ich eigentlich sehr gut nachvollziehen. Während der letzten zwei Jahre auf dem Gymnasium habe ich eine ähnliche Ansicht vertreten. Das führte dazu, dass ich alle Mitmenschen um mich herum unaufhörlich korrigierte. Insbesondere, wenn sie das Prädikat nicht ans Ende, sondern an den Anfang eines Nebensatzes setzten. Das führte dazu, dass mein Deutsch-Leistungskurs-Lehrer mich während einer Stunde, in der ich ihn bereits mehrmals altklug verbessert hatte, einen "Sprachnormierungsfetischisten" nannte.
Heute muss ich sagen: Er hatte absolut Recht! Sprache verändert sich und das ist wichtig. Denn Sprachen, die sich nicht mehr verändern, können sehr schnell sterben. Man stelle sich vor, wir würden heute noch so sprechen wie vor hundert oder zweihundert Jahren! Hier einmal ein Beispiel aus "Der Abend" von Andreas Gryphius (1650):
5. Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
6. Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
7. Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
8. Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.
Sprache ist eine Konvention, eine Art der Kommunikation, auf die sich eine Gesellschaft geeinigt hat. Wer von der Gesellschaft fordert, sie möge sich doch bitte an die Regeln der Sprache halten, anstatt ihrer eigenen Kommunikationsregeln zu folgen (wer legt eigentlich fest, wie man zu kommunizieren hat?), der fordert von dieser Gesellschaft eine Aufgabe ihrer Identität. Und wenn die nachfolgenden Generationen sich durch allgemeine Konvention darauf einigen, alle Wörter klein zu schreiben, die Satzzeichen durch Smileys zu ersetzen und Betonungen nicht mehr durch Akzentzeichen, sondern durch die Verlängerung von Vokalen hervorzuheben, dann ist das eben so.
Diese sprachlichen Konventionen entstehen schließlich nicht aus dem Nichts, sondern haben für die benutzenden Individuen eine große Bedeutung. So wird im Internet beispielsweise das Schreien eben nicht mit einem Ausrufezeichen verdeutlicht, SONDERN INDEM MAN VERDAMMT NOCHMAL GROßBUCHSTABEN VERWENDET! Der Grund ist hier offensichtlich: Durch die Verwendung von Großbuchstaben gegenüber den normalerweise geläufigen Kleinbuchstaben wird das Schreien visualisiert. Und so ist es auch mit allen anderen Neuerungen der neuen Sprache: Es geht ausschließlich um Visualisierung!
Daher mein Appell: Lebt eure eigene Gesellschaft anstatt euch von der alten Garde vorschreiben zu lassen, wie die Welt zu sein hat!
Und liebe alte Garde: Versucht die Jungen zu verstehen, anstatt sie für ihre Kommunikation zu verurteilen. Ihr habt auch die Stones gehört, obwohl eure Eltern euch dafür gehasst haben! Und eines Tages werdet ihr von uns abhängig sein, da wäre es hilfreich zu wissen, wie man sich im Altersheim mit einem Rollstuhl eigentlich roflt!
Lieber Kai,
ich will überhaupt nichts vorschreiben, sondern nur empfehlen. Solange der Wandel im Netz, in SMS, eMails und - abstrahiert - in privaten Verständigungen verbleibt, in deren Kreisen man sich auf diesen Umgang geeinigt hat, ist die neue Art zu schreiben kein Problem.
Dennoch sehe ich, das mag konservativ erscheinen, auch in der Zukunft nicht, dass Bewerbungsschreiben, Verträge oder offizielle Bescheinigungen in anderen Erscheinungsformen verfasst sein werden wie der bisher gängigen. Und daher sollte man diese Form nicht aus den Augen verlieren.
Gruß,
Alexander
Lieber Autor,
Ich finde es faszinierend, wie man so sehr an Regeln hängen bleiben kann.
Im Teaser des Artikels steht, es habe Vorteile wenn man sich konsequent an die deutsche Rechtschreibung hält. Allerdings fällt mir derzeit nur ein Einziger ein: Es gilt als großes Problem bei der Endlagersuche für Atommüll Schriften und Zeichen zu finden, die auch nach Millionen Jahren noch lesbar sind.
Andernfalls sehe ich keinen Grund darin, den Fortschritt einer Sprache, und sei es der Sprache der "Dichter und Denker" (die sich nebenbei auch nur seltenst an die neue Deutsche Rechtschreibung gehalten haben) aufzuhalten.
Zweitens und vielleicht noch wichtiger:
Die neue Generation wächst im digitalen Raum als Muttersprachler auf. Wenn ich auf dein Foto gucke, denke ich dass du, wie ich auch, eher zur Generation der Migranten gehörst. Warum möchtest du Jugendlichen verbieten mit ihrer Sprache in ihren Raum zu gehen? Gehörst du zu den Leuten, die ihre kleine Schwester korrigieren, wenn sie in der Küche "Mami" sagen?
Insofern: Ich verstehe dich. Auch ich bin genervt wenn mich jemand mit zu vielen Vokalen und und noch mehr Herzchen anschreibt. Doch dann muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie meine Eltern mindestens genauso genervt waren, als ich ihnen von dem neuen Playstation-spiel erzählt haben.
So sind sie also, die Generationenwechsel.
chiiiiiiiillllma,
MJ
Hallo Michael,
Entwicklungen innerhalb der deutschen Sprache sehe ich doch gar nicht kritisch entgegen. Wörtern wie "Computer", "Manager" und "Fitness", aber auch neueren Denglizismen wie "liken" stehe ich gar nicht kritisch gegenüber.
Meine Sorge gilt eher der Tatsache, dass man in der schnellen Schreibe, wie sie hier im Internet üblich ist, vergisst, welche Regeln unsere Grammatik noch hat - oder noch schlimmer: sich falsche Regeln einprägt.
Ich gebe zu, im Teaser kommt es nicht komplett klar rüber: um Wörter und Ausdrucksweisen geht es mir nicht, vor Allem das das äußere Erscheinungsbild der Art und Weise, wie wir (ja, auch ich, wenn ich schnell schreibe) uns schriftlich ausdrücken, bereitet mir Sorgen.
Gruß,
Alexander
Das sind doch alles Fehler, die eh schon grundsätzlich immer falsch gemacht wurden. Das ist doch nicht nur ein Problem unserer Generation und der nachfolgenden...
Keiner zwingt dich, dich genauso zu verhalten, aber nimm es doch einfach hin. Wie soll man denn dagegen vorgehen? Die Kinder interessiert das nicht und die, die es interessiert, benutzen die Dinge, die du oben aufgezählt hast, sehr wahrscheinlich auch nicht in diesem Umfang, wenn überhaupt.
Vor allem stellt man doch auch fest, dass das nur einer bestimmte Altersphase zu zuschreiben ist. Je älter sie werden, desto "normaler" kommunizieren sie doch alle miteinander.
Nein, aber ich befürchte, dass sich durch eine vermehrte Kommunikation auf Internet-Ebene Fehler einschleichen. Dass Leute das "dass" vergessen und nur noch als "das" verwenden, kann man ja sogar noch als potenzielle Rechtschreibreform anbringen. Aber sie werden vergessen, WO Kommata gesetzt werden sollen und WELCHE Wörter man groß schreibt, ja. Jedenfalls besteht die Gefahr.
Du hast jetzt aber auch die Smileys vergessen, die diese ersetzen :D Und Smileys betonen doch die Stimmung, die in dem Satz mitklingt. Glaubst du echt, dass die Kinder in der Schule einfach ohne Punkt und Komma ihre Aufsätze schreiben?