"Es gab Proteste, aber nie etwas so Großes"
Sebastian Kaderják, lebte ein Jahr in den USA, im Gespräch zur Occupy-Bewegung
Seit Mitte September demonstrieren die Anhänger der Occupy-Wallstreet-Bewegung nun schon im New Yorker Bankenviertel und finden weltweit tausende von Anhängern. Die Arbeitslosenquote in den USA liegt bei neun Prozent, die soziale Ungleichheit ist so groß, wie seit der großen Depression 1929 nicht mehr. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, während das Einkommen im Mittelstand in den letzten zehn Jahren drastisch abgenommen hat.
Perspektivlosigkeit und Wut über die rücksichtslose, kaum kontrollierte Profitgier von Investmentbanken treiben die Menschen auf die Straße. Vor allem junge Menschen sind eine treibende Kraft in der Bewegung: Oft stehen Studenten nach ihrem Studienabschluss vor dem Aus: Sie können die hohen Schulden ihres Studiums nicht bewältigen und finden keine Arbeit – viele bangen um ihre Existenz.
Unsere Redakteurin Defne geht in ihrem Interview mit Sebastian Kaderják der derzeitigen Situation auf den Grund und versucht zu erfassen, wie sich für die US-Bürger die Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung im realen Leben äußern.
Sebastian Kaderják, 21 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Erfurt und studiert Politik und Recht in Münster. Nach seinem Abitur 2009 war Sebastian insgesamt 13 Monate in den USA, die meiste Zeit davon verbrachte er in Boston. Neben der Betreuung der Kinder seiner Gastfamilie studierte er dort zwei Semester internationale Beziehungen.
Das Interview
deFacto: Die Schere zwischen Arm und Reich war in den USA lange nicht mehr so groß wie heute. Die Occupy-Wall-Street-Bewegung dauert seit Wochen an und entfacht auch in anderen Städten und Ländern Proteste. Wie kommt es zu der großen Anhängerzahl gerade unter den US-Bürgern?
Sebastian Kaderják: Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf den privaten Lebensbereich waren und sind in den USA viel stärker spürbar als hier in Deutschland. Besonders die Arbeiterfamilien müssen hohe Steuerbelastungen ertragen. Dadurch wurden die Menschen von einer grundlegenden Unzufriedenheit erfasst, die durch die Medien, die sich immer intensiver mit der Krise beschäftigten, zu einem kleinen Hype wurde.
Als die Wirtschaftskrise dann im Zeitraum zwischen 2008 und 2009 begann und die Regierung darauf reagieren musste, wurden die Steuerbelastungen so groß, dass die Menschen anfingen, zu Demonstrieren. Erst einmal waren das verhältnismäßig kleine Demonstrationen, nicht untypisch für die USA. Doch als die Menschen dann merkten, dass die Wall Street mit ihrem Geld nur gespielt hat, hat das natürlich große Empörung ausgelöst. Eigentum und Geld spielt eine große Rolle in den USA. Die Menschen waren - und sind - vom Staat und der Börse enttäuscht.
deFacto: Die Demonstranten klagen darüber, zu den 99% der Bevölkerung zu gehören, die vom einen Prozent der Reichen betrogen und ausgenommen werden. Welche Faktoren haben deiner Meinung nach zu dieser Situation beigetragen?
Sebastian: Ich glaube, einer der Hauptgründe für diese Situation ist das Beziehungsgeflächt in den USA. Alles läuft nur über Kontakte. Wer die nicht hat, hat es schwer, etwas zu erreichen. Deshalb werden die Reichen reich und die Armen arm bleiben. Das gehört auch ein bisschen zur Mentalität der Amerikaner, sehr vieles dreht sich um Geld.
"Das ist der Unterschied zu Europa:
Die Separation zwischen Arm und Reich"
deFacto: Kannst du aus eigener Erfahrung Beispiele nennen, an denen dir die sozialen Missverhältnisse in der Gesellschaft aufgefallen sind?
Sebastian: Man kann das sehr häufig beobachten. Es gibt viele Orte, an denen Arme gar nicht zugelassen werden. Entweder man ist eine Bekanntheit oder man benötigt eine Referenz, jemanden, der einem eine Einladung verschafft. Das gilt für gehobene Veranstaltung ebenso wie für die Oper oder für Sportvereine. Das ist ein riesiger Unterschied zu Europa: Die Separation zwischen Arm und Reich findet offensichtlich und für alle sichtbar statt.
deFacto: Hättest du bei deiner Abreise aus den USA eine Bewegung in einem Ausmaß wie Occupy Wall Street für möglich gehalten, gab es vielleicht Tendenzen?
Sebastian: Ehrlich gesagt hätte ich nicht mit einer so großen Bewegung gerechnet. Es gab immer wieder kleinere Proteste, aber nie etwas Großes. Die Wirtschaftskrise hält ja jetzt schon lange an. Ich hätte nicht gedacht, dass gerade die Wall Street so einen großen Auslöser darstellen könnte.
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deFacto: Tatsächlich erwirtschaftet ein nur kleiner Teil der Bevölkerung einen Großteil der Gewinne in den USA, die Mittelschicht droht zu verschwinden. Trotzdem scheiterte Obamas Plan, eine Reichensteuer einzuführen vor dem Senat. Wie erklärst du dir, dass die Hälfte der Abgeordneten gegen ein Finanzpaket stimmte, dass neue Arbeitsplätze schaffen sollte?
Sebastian: Das kann man so einfach nicht darstellen. Gerade wenn beispielsweise Lehrer eingestellt werden sollen, dann sind das enorme Kosten, da der Staat nicht nur deren Arbeitsplätze schafft, sondern auch in einigen Jahren die Renten dieser Menschen tragen muss.
Auch wenn das mit der Reichensteuer vielleicht eine gute Idee war, hätte man sich denken können, dass dieses Gesetz abgelehnt wird. Der Senat wird von Republikanern beherrscht. Die wollen damit einfach nur gegen die Demokraten, also gegen Obama, schießen. Die Ablehnung wundert mich deshalb nicht wirklich.
Ein anderer Grund sind die Lobbyisten, die diese Steuer verhindern wollten und die in den USA über sehr viel Macht verfügen. Da kann nicht einmal der Präsident gegen ankämpfen, das wird nicht funktionieren. Außerdem gehören die meisten der Abgeordneten selbst zur Oberschicht, da wären sie schön blöd, wenn sie sich und ihren Familien Geld nehmen würden. In einer Gesellschaft, in der es um Geld geht, will man sich selbst nicht schaden.
"Ein Teil der Bürger ist nicht gut genug gebildet,
um die politischen Strukturen zu durchschauen."
deFacto: Im Vergleich zu vielen europäischen Staaten ist die Wahlbeteiligung in den USA eher niedrig. Was haben Wahlen und die Parteizugehörigkeit in deinem persönlichen Umfeld für eine Rolle gespielt?
Sebastian: Die niedrige Wahlbeteiligung hat etwas mit den vielen, politisch sehr desinteressierten Menschen dort zu tun. Von denen gehen die einen davon aus, dass sich durch eine Wahl nichts ändern lässt und die anderen finden die vorherrschende Politik so gut, dass sie nichts verändern möchten und deshalb am Wahltag zu Hause bleiben. Das liegt daran, dass ein großer Teil der US-Bürger nicht auf einem Bildungsstand ist, der es ihnen erlauben würde, politische Strukturen zu verstehen.
Wenn dann aber politisches Verständnis vorhanden ist, dann wird die Tendenz zu einer Partei auch stark nach außen getragen. Meine Gasteltern waren zum Beispiel knallharte Demokraten, obwohl sie durch ihren streng christlichen Glauben auch einige Ansichten der Republikaner geteilt haben. Trotzdem würden sie die Republikaner niemals wählen. Das hat aber auch etwas mit ihrer Herkunft zu tun. Im Norden setzen sich meist eher demokratische Regierungen durch, wie eben bei meinen Gasteltern. Wenn wir aber mal Besuch aus dem Süden hatten, waren das meist Anhänger der Republikaner oder der Tea-Party-Bewegung.
deFacto: Könnte die derzeitige Situation etwas am politischen Bewusstsein der Amerikaner ändern?
Sebastian: Ich könnte mir vorstellen, dass durch die Demonstrationen und die Thematisierung sozialer Ungleichheit das politische Interesse insbesondere der jungen Menschen geweckt und gefördert werden wird. Die werden sich dann vielleicht auch nach ihrer Zeit an der High School mit Politik beschäftigen. Bei den älteren Amerikanern halte ich das für schwierig aber nicht unmöglich.
deFacto: Unter dem Leitspruch „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ galten die USA lange Zeit als das Land mit den größten Aufstiegschancen. Wenn wir uns die aktuelle Situation dort ansehen, scheint das nicht mehr zu stimmen.
Sebastian: Doch, das glaube ich schon. Ich denke durchaus, dass die USA im Vergleich zu anderen Ländern immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind. Man bekommt dort immer eine zweite Chance. Wenn du dich wirklich anstrengst und hinter eine Sache klemmst, dann schaffst du es in den USA. Auch wenn ich zugeben muss, dass alles viel schwieriger geworden ist.
deFacto: Danke für das Gespräch.



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