"Die heutige Gesellschaft ist ohne Banken undenkbar"

Florian Meyer, Banker in Frankfurt am Main, zu Bankenkrise und Occupy-Bewegung

von Kai Inboden | Dienstag, 08. November 2011

Nachwuchsbanker Florian Meyer (26) in der Finanzmetropole London (Bild: privat)

Schon seit Jahren müssen die Banken dieser Welt viel Kritik aushalten. Schuld an der Krise heißt es auf der einen Seite, viel zu gierig und zu radikal auf der Anderen. Und auch in der Occupy-Bewegung spielen die Banken die Rolle des Bösewichts. Grund genug für uns, auch mit denen zu sprechen, die für einen Großteil der aktuellen Probleme auf diesem Planeten verantwortlich gemacht werden - den Bankern. deFacto-Redakteur Kai traf deshalb Florian Meyer. Sein Beruf: Banker in Frankfurt.

Wenn am Freitag die Straßen der Großstädte unserer Erde mit hunderttausenden Menschen gefüllt sind, die laut rufend versuchen werden, auf sich aufmerksam zu machen, dann hat das trotz des Schnapszahlendatums nichts mit Karneval zu tun. Statt Clownskostümen und Kamelle werden sie Schilder tragen, auf denen "Wir sind die 99%" geschrieben steht. Sie werden wieder einmal versuchen, die Welt auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen, die ihrer Ansicht nach immer mehr zunehmen. Und wieder einmal werden wir die Rufe vernehmen, die uns erklären sollen, dass vor allem die großen Banken eine große Mitschuld am aktuellen Zustand der Weltwirtschaft haben.
Denn die 99% der Bevölkerung, die die Occupy-Demonstranten zu vertreten behaupten, machen das zur Vervollständigung der Gesellschaft fehlende Prozent genau hier aus: In den Handels- und Vorstandsetagen von Bankzentren wie New York, London oder Frankfurt.

Wir wollten wissen, was eigentlich diejenigen denken, die im Fokus der Kritik stehen: Die Banker. Unser Redakteur Kai hat deshalb mit Florian Meyer gesprochen. Florian ist 26, studiert im 7. Semester an der privaten Frankfurt School of Finance & Management und arbeitet neben dem berufsintegrierten Studium im Frankfurter Bankenviertel in einer Großbank.


Das Interview

deFacto: Wie fühlt man sich in diesen Tagen als Banker?

Florian Meyer: Eigentlich fühle ich mich nicht anders als in den letzten Jahren auch. Natürlich stehen die Banken zurzeit insbesondere in den Medien stark unter Beschuss aber davon fühle ich mich nicht persönlich angegriffen. Ich glaube, es kommt darauf an, wie sehr man sich selbst von der Kritik betroffen sieht.

deFacto: Überall auf der Welt gehen Menschen auf die Straße um gegen die - aus Sicht der Demonstranten unsozialen - Geschäftsmodelle der Banken zu demonstrieren. Was hältst du von diesen Protesten?

Florian: Ich bin von der Occupy-Bewegung ehrlich gesagt ziemlich beeindruckt. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal erlebe, dass Menschen eine Meinung haben und damit auf die Straße gehen. Diese Entwicklung gibt es in Deutschland, den USA und auch in anderen Industrienationen, das halte ich für ein sehr wertvolles Phänomen. Das zeigt, dass die jungen Leute nicht so politikverdrossen sind, wie es ihnen immer nachgesagt wird. Außerdem finde ich gut, dass der Protest aus dem Volk heraus kommt und nicht von den Medien gesteuert wird, wie man das in den vergangenen Jahren bei anderen Themen gesehen hat.

deFacto: Würdest du mitdemonstrieren?

Florian: Nein. Mitdemonstrieren würde ich nicht. Dafür sympathisiere ich nicht stark genug mit der Occupy-Bewegung. Es gibt da einige Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin.

deFacto: Welche sind das?

Florian: Zum einen ist mir nicht wirklich klar, was genau die Bewegung erreichen will. Was ist das Ziel? Ich sehe zwar Menschen, die gegen den aktuellen Stand der Gesellschaft rebellieren aber ich habe eben auch das Gefühl, dass die Occupy-Demonstranten sehr schnell alles über einen Kamm scheren. Da heißt es dann immer: Bank gleich schlecht. Das ist völlig undifferenziert, dem möchte ich mich nicht anschließen.
Außerdem nimmt die Bewegung für sich in Anspruch, 99% der Bevölkerung zu repräsentieren. Das halte ich für gewagt und weit hergeholt. In meinen Augen tut das eine gewählte Regierung aber keine initiativ entstandene Protestgruppe.


"Einige Produkte haben den Charakter
einer Casinobude mit Zockermentalität"

deFacto: Die Menschen bei den Demonstrationen und in den Protest-Camps fühlen sich offenbar nicht gut. Was läuft falsch?

Florian: Die Entwicklung der letzten Jahre hat zwei grundsätzliche Probleme hervorgebracht: Zum einen haben einige Banken Produkte im Bereich des Investmentbankings entwickelt, mit denen Geschäftsprinzipien nachgegangen wird, die man ernsthaft hinterfragen muss. Da sollte man wirklich prüfen: Macht das wirklich Sinn für irgendeinen Menschen auf dieser Welt außerhalb der betreffenden Bank? An diesem Punkt schließe ich mich den kritischen Stimmen an: Es gibt mit Sicherheit einige Produkte einiger weniger Banken, die den Charakter einer Casinobude mit Zockermentalität haben.
Und das zweite Problem sind die Entwicklungen nach der Finanzkrise 2008. Damals haben die Banken hochkomplexe Pakete verkauft, bei denen niemand wusste, was drin ist. Das hat in eine erhebliche Krise geführt. Doch diese Krise war kaum vorbei, da gab es schon die Nächste. Und wieder waren die Banken mit drin, weil sich so eine Überschuldung eines Staates natürlich bei den Banken, die hier die Geldgeber sind, niederschlägt.
Dazu kommt, dass insbesondere die Boulevard-Medien in den letzten vier, fünf Jahren immer wieder Sachverhalte, die Banken betreffen, sehr undifferenziert dargestellt haben. Das übernehmen die Leute natürlich. Wenn ich keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund hätte, würde ich wahrscheinlich auch sehr schnell an einem Punkt landen, an dem ich genug von all dem hätte.


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deFacto: Wer trägt die Verantwortung für die Krise?

Florian: Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex. Einerseits müssen sich einige der Banken durchaus einen Teil der Schuld anlasten. Hätten sich insbesondere die an der Immobilienblase beteiligten Banken immer korrekt verhalten, wäre es nicht zu einer solchen Krise gekommen.
Was wir im Moment erleben, ist allerdings eine Staatsschuldenkrise. Die Banken arbeiten seit Jahrzehnten im großen Umfang mit Staatsschulden, das ist ein normaler Teil des Investmentbankings. Ohne diese Finanzdienstleistung hätten Staaten kaum Möglichkeiten, sich zu refinanzieren. Ohne diese Kredite würde es so manche Schule und so manche Autobahn nicht geben. Problematisch ist, wenn der Staat durch besonders große Nachfrage nach Krediten und falsche antizyklische Haushaltspolitik die Schulden nicht mehr abbaut, sondern im Gegenteil neue Schulden immer weiter auftürmt.

Und dann ist da noch das Problem mit den Zinsen. Eigentlich ist es normal, dass Schuldner, bei denen ein höheres Ausfallrisiko besteht, höhere Zinsen zahlen müssen. So war das auch früher bei den verschiedenen Ländern in Europa. Da hatten Länder wie Griechenland oder Portugal viel höhere Zinsen als zum Beispiel Deutschland. Durch die Einführung des Euro, der nun von allen Ländern genutzt wurde, sanken die Zinsen für finanziell schwächere Länder drastisch.

 

"Die Staaten haben sich am Geld bedient
wie ein Heroinabhängiger am Drogenvorrat!"

Allerdings hat man kein einheitliches, europäisches Finanzministerium, keine gemeinsame Fiskalpolitik geschaffen, nur eine Währungsunion, in der jeder Staat mit der gleichen Währung handeln kann wie er will. Außerdem haben es einige Staaten geschafft, mit ein paar kleinen Finanztricks in den Euroraum aufzusteigen, obwohl sie eigentlich nicht hinein gehört hätten. Diese Staaten haben sich dann nach der Euroeinführung an dem billigen Geld zu niedrigen Zinsen wie ein Heroinabhängiger am Drogenvorrat bedient und können jetzt die Zinsen nicht mehr durch ihre Wirtschaftsleistung decken.

deFacto: Waren es nicht die Banken, die diesen Drogenvorrat erst geschaffen haben?

Florian: Das ist eine gute Frage, da muss ich kurz überlegen. Das sehe ich eigentlich nicht so. Es waren ja nicht die Banken, die die Verantwortung dafür trugen, dass diese Länder in den Euroraum gekommen sind und das Zinsniveau stark gesunken ist. Da sind einfach Staaten Mitglied in einem Wirtschaftsraum geworden, in den sie überhaupt nicht gepasst haben. Dadurch hatten sie plötzlich Zugriff auf das billige Geld.
Dieses Geld, das dann den Staaten im Rahmen von Krediten von den Banken zur Verfügung gestellt wird, stammt auch nicht von den Banken selbst. Banken sind Intermedäre, das heißt, dass sie das Geld von anderen Geldgebern irgendwo auf der Welt sammeln und dann weiterleiten. Das bedeutet, dass die Banken, selbst wenn sie wollten, einen solchen Drogenvorrat gar nicht hätten produzieren können. Natürlich haben Banken dieses Geld zur Verfügung gestellt aber so lange ein Staat nicht insolvent ist, - und das waren diese Staaten zu Beginn nicht - ist das deren Job. Und wenn sich Bank A weigert, einem Staat einen vernünftigen Kredit zu geben, dann wird es Banken B, C und D geben, die diese Aufgabe dann übernehmen. Den Auslöser würde ich also eher bei der Politik sehen, nicht bei den Banken. Die haben sich ja nicht aufgedrängt.

deFacto: Ist der Euro noch zu retten?

Florian: Die letzten Jahre habe ich das geglaubt. Inzwischen zweifel ich allerdings sehr stark daran. Den Euro an sich halte ich für recht sinnvoll aber wenn ich mir die aktuelle Krise angucke, bin ich mir nicht mehr sicher, dass der Euro in seiner heutigen Form gerettet werden kann. Die Länder, die da unter dieser Währung vereint sind, sind viel zu heterogen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass sich die geographisch äußeren Länder wie Griechenland, Italien oder Spanien nicht mehr halten lassen und die wirtschaftlich starken Länder wie Deutschland und Frankreich dann eine Art Kern-Euro gründen.

deFacto: Siehst du für deinen Job eine Zukunft?

Florian (lacht): Ich sehe für meinen Job eine sehr umfassende Zukunft. Die Banken sind das Spiegelbild der Realwirtschaft und werden deshalb auch weiterhin gebraucht werden. Die heutige Gesellschaft wäre so wie wir sie kennen ohne Banken überhaupt nicht denkbar.
Außerdem muss man sich fragen, was eigentlich das genaue Berufsbild eines Bankers ist. Innerhalb einer Bank gibt es vielleicht 200 verschiedene Jobs oder sogar mehr. Wir haben Kundenberater, Risikomanager, Leute in der Treasury, die sozusagen die Bankfinanzen steuern, das Investmentbanking, all das wird immer gebraucht werden. Es wird immer Unternehmen geben, die z.B. bei Unternehmensfusionen Rat suchen. An diesem Punkt haben dann auch sehr viele Produkte des viel kritisierten Investment Bankings ihre Daseinsberechtigung. Die wird es auch in den nächsten Jahren noch geben, weil sie einen wertschöpfenden Beitrag zur Wirtschaft leisten.

deFacto: Vielen Dank.

Über den Autor

Kai Inboden

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Kai Inboden ist ein Pionier, zumindest sagt das seine Universität in Friedrichshafen. Dort studiert er "Kommunikation & Kulturmanagement" und weil der Bodensee zwar sehr schön aber auf Dauer auch sehr langweilig sein kann, erzählt er für uns von dort aus süddeutsche und andere Geschichten.

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