Simon und die Schokoladenfabrik
Schokolade geht immer, besonders in Krisenzeiten
Weihnachtszeit ist Schokozeit. Besonders gegen Jahresende werden wir Menschen besinnlich und erliegen so mancher süßen Verführung. Wem das einheitliche Angebot überfüllter Kaufhallen nicht genügt, kann sich seine eigene Wunschschokolade im Internet zusammenstellen. Aus der Kälte des Winters in wärmende Kakaoträume - mit nur einem Klick. Unser Redakteur Simon Engelkes hat sich auf die Suche nach Franz Duges Schokoladenfabrik gemacht – chocriii, die Sünde ruft!
Ich mache mich auf den Weg nach Berlin Alt-Hohenschönhausen. Einmal quer durch die Stadt, über die Friedrichstraße und vorbei am Alexanderplatz, durch die großstädtische Routine. Weihnacht ist eingekehrt. Hell erleuchtete Lichterketten schmücken das graue Straßenbild, Plattenbauten links und rechts blinken rot, grün und blau. Es ist trotz alledem ein trister und regnerischer Dezembermorgen. Die Luft ist kühl, der Regen prasselt auf das Dach der S-Bahn. Die Menschen lesen, telefonieren oder schimpfen auf den nasskalten Winter. Es geht immer weiter nach Nord-Osten, die Gegend wird gleichförmig und freudlos. Vom preußischen Glanz, von der Anmut dieser Stadt, ist nichts mehr zu spüren. Der Gang von der Tramstation zu meinem Ziel führt durch ein kleines Industriegebiet. Ich hatte eigentlich gehofft, noch kurz in einem Café einkehren zu können, doch das erweist sich nun als Trugschluss. Plauener Straße 165: ein großer Gebäudekomplex erstreckt sich vor meinen Augen. Hier ist er, der Sitz der chocri GmbH – einer Oase in der Alltagswüste der Metropole.
chocri bietet seinen Kunden die Möglichkeit, Schokoladentafeln und Pralinen nach eigenen Wünschen zu komponieren. Aus den über 80 verschiedenen Zutaten ergeben sich unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Ob Vollmilchschokolade mit gebrannten Mandeln, Karamell und Echtgoldpulver oder Zartbitterschokolade mit Haselnusskrokant, Cranberries und Gummibärchen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Auf dem Schild des Gebäudes M finden sich auch die Alfred Ritter GmbH (Ritter Sport) und das Hussel Süßwarenfachgeschäft GmbH. Hier also ist Berlins Schoko-Karree. chocri arrangiert für beide Firmen die Logistik, verschickt die Schokolade eben Quadratisch. Praktisch. Gut. Außerdem besitzt Alfred Ritter Anteile der chocri-Manufaktur.
Im Aufzug treffe ich zwei junge Herren – Henry und Micha. Henry, tätig in der Schokoproduktion, hält eine goldene Gießform in der einen Hand, eine Sprühdose mit goldener Farbe in der anderen. Er und Micha, Mitbegründer und Geschäftsführer von chocri, sind hellauf begeistert vom glänzenden Muster. „Die goldene chocri.“, meint Micha auf Nachfrage. Auf Henrys Rücken ist unter der Schürze sein Hemd zu erkennen. „Sex, chocri & Rock ‘n‘ Roll.“
Das Prinzip der Wunschschokolade
Das Büro dieser ungewöhnlichen Schokoladenfabrik liegt im Dachgeschoss des Gebäudes, die Produktion ein paar Stockwerke darunter. Eine dunkelrote Wand verkündet: chocri – meine Schokolade. Davor eine Sitzecke inklusive Weihnachtsbaum. Es ist gerade Mittagspause und das chocri-Team sitzt zu Tisch. Ich warte und begutachte die Büroräume. An der Wand hängen dutzende Verpackungen, die speziell für Firmen geschaffen wurden. „DHL wünscht Ihnen..“ – der Rest stand wohl auf der schon verputzten Schokoladentafel. Neben einer Open-Source Schokolade für univention hängt hier auch eine ganze Serie von Tafeln für good morning america. Auf dem Tisch liegt ein Flyer des „DIV-KindEr e.V.“, der sich für die Schicksale von Kindern aus der Elfenbeinküste einsetzt. Von dort bezieht auch chocri seine Kakaobohnen.
Das Büro ist maßgeblich mit Hilfe von IKEA ausgestattet worden, neben den vier großen Schreibtischen liegen überall Pakete verstreut. An einem Pfeiler kleben Titelbilder von Magazinen, die über chocri berichteten, auf einem kleinen Schrank steht eine stolze Sammlung von Preisen. Darüber ticken drei große Uhren: Berlin, New York und Abidjan, die Hauptstadt der Elfenbeinküste.
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Der Gründer und Geschäftsführer Franz Duge begrüßt mich; wir wollen unten in der Produktion vorbei schauen. Ich möchte wissen, wie die Idee der individuellen Schokokreation entstanden ist und bekomme eine nicht unromantische Anekdote zu hören: als die beiden chocri-Gründer bereits eine Firma für Schokobrunnen auf die Beine gestellt hatten, befand sich Franz in einer Notlage. Ratlos, was er seiner Freundin zum Geburtstag schenken sollte, entwickelte er eine Tafel ganz nach ihrem Geschmack. Die Idee kam gut an und stieß auch im Freundeskreis schnell auf große Nachfrage. Das Prinzip der Wunschschokolade war geboren.
Wir betreten die Produktionsräume. Weihnachtsmusik ertönt im Radio. Eine Reihe schlichter Regale bildet einen Gang, umringt von Tonnen von Zutaten. Nüsse, Früchte, Schokodrops. Franz reicht mir Klipphaube und Überschuhe aus Kunststoff – mit gewaschenen Händen kann es weiter gehen. Trotz meiner Erkältung spüre ich den sanften Schokoduft in meiner Nase. Die Schokoschöpfer hier unten sehen den Oompa-Loompas aus Roald Dahls Kinderbuch Charlie und die Schokoladenfabrik seltsamerweise überhaupt nicht ähnlich. Sie greifen sich eine von den einhundert bereit stehenden Gießformen und füllen sie mit der Schokotafel-Grundlage. Zartbitter-, Vollmilch- oder weiße Schokolade. Ein Rüttler zaubert die Luftblasen aus der Schokomasse, um eine gleichmäßig glatte Tafel zu garantieren. An den Streu-Tischen werden die chocris mit den gewünschten Zutaten bestreut. Bis zu fünf Verschiedene kann der Kunde wählen. Um die Tafeln schneller und effizienter zu bestreuen, orientieren sich die Schokokreateure an den Regalkoordinaten der Zutaten. Ich betrachte die Unmengen an Bestandteilen und frage, wie Gold schmeckt. „Eigentlich nach nichts“, antwortet Duge, „aber es sieht eben schön aus.“
Können sich die Arbeiter bei so viel verführerischem Süßkram mit dem Naschen überhaupt zurück halten? Nein, aber das müssen sie auch nicht. In den Jobangeboten von chocri heißt es: „Wir bieten: Viel Schokolade als Nervennahrung.“ Wer hier arbeite, dürfe so viel Schokolade und Zutaten verzehren, wie es ihm beliebe, so Duge. Ein Ständer oben im Büro versorgt auch die Mitarbeiter von IT, Marketing und Geschäftsführung regelmäßig mit Nachschub.
"Schokolade hat immer etwas Anrüchiges"
Vielleicht kommt daher der Begriff Naschwerk. Immerhin bleibt am Ende genug für die Kunden übrig. Wer den ganzen Tag so viel Schokolade um sich herum hat, ist das Abschmecken sicher irgendwann leid. Und Franz Duge? Er kann dem Kakaoerzeugnis immer noch einiges abgewinnen, auch wenn er sich jeden Tag mit ihm beschäftigt. Nur Billig-Schoki müsse es nicht unbedingt sein.
Fertig bestreut, wird die vorher noch flüssige Masse nach einer Zeit im Kühlschrank zu einer echten und individuellen Schokoladentafel. Nun müssen die Tafeln nur noch in ihre charakteristischen roten chocri-Verpackungen gesteckt und an die erwartungsvollen Kunden versandt werden. Besonders beliebt ist das Probierpaket Weltreise. 24 kleine Mini-Tafeln sollen die verschiedenen Regionen der Erde geschmacklich fassbar machen.
Ich bin ein wenig überrascht. Ich hatte mir chocri mehr wie eines der typischen kleinen Berliner Startups vorgestellt. Wenige Leute, viel Bionade und ein paar Macbooks – doch chocri spielt in einer ganz anderen Liga. Die Schokoladenmanufaktur produziert jetzt um die Weihnachtszeit etwa 2000 bis 3000 Tafeln pro Tag, erzählt mir Franz Duge. Die Produktion läuft 24 Stunden lang.
Fairer Handel ist den Berliner Chocolatiers besonders wichtig. „Schokolade hat immer etwas Anrüchiges.“ Dieses bittere Bild der süßen Verführung gilt es schließlich abzuschütteln. Daher bezieht chocri für seine Produktion nur Kakaobohnen, die fair gehandelt wurden – so lässt sich mit reinem Gewissen genießen.
Dass aus der Geschenkidee für seine Freundin ein ganzes Unternehmen werde könnte, ahnte Duge damals noch nicht. „Wir hatten unsere Hoffnungen, aber dass es so krass wird, hätten wir nicht gedacht.“ Angst um die Zukunft ihrer Firma haben die chocrianer keineswegs. Schokolade geht immer, besonders in Krisenzeiten.
Als ich das Gebäude verlasse, tragen vier Mitarbeiter gerade ein Tischfußball-Turnier aus. Für mich heißt es: Zurück in den Regen. Weg von der süßen Verführung, hinein in den Alltag.



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